Kraft sammeln gegen die dunklen Bilder im Kopf

Viele junge Flüchtlinge haben Schreckliches erlebt und kommen allein und traumatisiert in Deutschland an. Wie kann ihnen geholfen werden?

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Junge unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Eritrea, Afghanistan und dem Irak im Niedrigseilgarten der „You-Farm“ auf Initiative der Traumahilfe Netzwerk Augsburg und Schwaben e.V.. Mit ihrem Projekt „Stabilisierungsgruppe für junge, traumatisierte Flüchtlinge“ hat die Traumahilfe bei der Sonderaktion der Kinder- und Jugendstiftung AUFWIND 2015 einen Gewinn von 1.500 Euro zur Projektunterstützung erhalten.

Die Jungen kommen aus Eritrea, Afghanistan und dem Irak. Sie haben während ihrer Flucht Grauenvolles erlebt. Alle sind allein, ohne ihre Familien nach Deutschland gekommen. Oft hat ihre Flucht jahrelang gedauert. „Ihre Schicksale und Erlebnisse befinden sich außerhalb unserer Vorstellungskraft“, berichtet Petra Siersetzki. Die Religionslehrerin und ausgebildete Traumapädagogin leitet diese Stabilisierungsgruppe des Traumahilfe Netzwerkes Augsburg und Schwaben (TNAS). Petra Siersetzki wird keine Details von den Schicksalen der Jugendlichen erzählen, von den Tränen in der Gruppe, von verlorenen Schulfreunden oder der Schlaflosigkeit. Das hat sie ihren Schützlingen versprochen. Als sie zu einem der ersten Treffen einen schwarzen Ballon in die Gruppe brachte, mit dessen Hilfe die Jungen das Ausmaß ihres Leides erfassen sollten, sagte einer der Jugendlichen: „Bei mir ist das kein Ballon, sondern ein riesiges Haus.“

AUFWINDAber was können drei Helferinnen angesichts dieses Grauens und über alle Sprachbarrieren hinweg erreichen? An nur fünf Nachmittagen? Viele der Jungen kennen das Wort Trauma ja noch nicht einmal. „Mit zwei Ansätzen helfen wir den Jugendlichen. Wir erklären ihnen: Ihr Trauma, also ihre Erstarrung, Schlaflosigkeit, Verzweiflung, Angst oder Lethargie ist eine normale Reaktion auf ein schreckliches Erlebnis. Bereits die Erkenntnis, nicht verrückt zu sein, hilft vielen. Außerdem bringen wir ihnen Methoden bei, wie sie auf ihre Flashbacks reagieren, diese abmildern oder ganz fernhalten können“, erklärt Johanna Maria Fath, Vorsitzende des TNAS. Das Netzwerk hat einen Wettbewerb der Stiftung „Aufwind“, der Kinder- und Jugendstiftung der Stadtsparkasse Augsburg, gewonnen und kann mit dem Preisgeld mehrere Stabilisierungskurse für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge finanzieren.

An einem Nachmittag hat die Gruppe zum Beispiel über Smilies gesprochen, mit deren Hilfe die Jugendlichen einschätzen sollen, wie es ihnen gerade geht: „Grün steht für gut, gelb für „so la ala“ und rot für schlecht“, erklärt Betreuerin Nora Redl,  auch sie ist Lehrerin. Wenn der „innere Smilie“ der jungen Flüchtlinge zwischen gelb und rot steht, wird es Zeit, an den „Notfallkoffer“ zu gehen. In diesem selbst beklebten Schuhkarton sind ein Igelball, eine harte Bürste, eine scharfe Chilischote, ein festes Gummiband und ein saurer Lutscher. Als die Frauen den Jungen erklärten, dass sie das Gummi an ihrem Handgelenk flitschen lassen sollten oder die harte Bürste anwenden sollen, wenn es ihnen schlechter gehe, wurden sie ungläubig angeschaut. Das sollte helfen? „Sie haben uns für verrückt gehalten“, erzählt Petra Siersetzki. Zu einem ihrer schönsten Momente, die sie zusammen mit den Jugendlichen erlebte, gehört das Treffen eine Woche später: Alle Jungen berichteten begeistert, dass ihnen der andersartige Reiz geholfen hat.

160915_niedrigseilgarten2_blogAuch ein selbst gefertigtes Tagebuch wirkt unterstützend: Hier werden unter anderem positive Ressourcen gesammelt. Dazu gehören aktuelle positive Ereignisse, wie ein leckeres Essen oder ein Ausflug. Aber auch gute Erinnerungen an die Heimat, die Eltern oder Geschwister werden hier zusammengetragen. So mag ein Jugendlicher besonders gern, wenn bei ihm zu Hause die Felder im Frühling rot blühen. Diese positiven Bilder geben Kraft und stärken die jungen Menschen.

Mittlerweile haben die Jungs sich das Klettergerüst des Niedrigseilgartens erobert. Sie sollen eine Gruppe bilden und sich gegenseitig helfen – wird gemacht. Sie sollen einzeln den Parcours absolvieren – jetzt werden sie langsam munter, es wird ein bisschen gekabbelt, gedrängelt, gelacht und angefeuert. Die Gruppe ist ganz im Hier und Jetzt. Und wie alle Jungs in ihrem Alter fangen sie an zu wetteifern und auszuprobieren. Manche schwingen sich wie Tarzan von Plattform zu Plattform, andere hangeln sich kopfüber an den Seilen entlang und ein Junge klettert ganz weit nach oben, bis er auf dem höchsten Pfahl sitzt – natürlich ohne Helm. Er lacht und winkt. Heute ist so ein Nachmittag für sein neues Tagebuch. Ein Nachmittag, an dem genau dieser eine Junge neue Kraft sammelt, gegen die schrecklichen Bilder und Erinnerungen in seinem Kopf.

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