10 Jahre Finanzkrise – 4 Fragen an Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt DekaBank

Die Welt ohne Finanzkrise

Der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers führte vor zehn Jahren zu einer Finanzkrise, die auch Deutschland erfasste. Wir fragen Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka, wie die Welt heute aussehen würde, wenn es die Krise nicht gegeben hätte.

Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt DekaBank

Herr Dr. Kater, mal angenommen, die Finanzkrise hätte es nie gegeben. In welcher Welt würde man aufwachen, wenn alles nur der Alptraum eines gestressten Investmentbankers gewesen wäre?
Zugegeben ein gewagtes Gedankenexperiment, angesichts der Tragweite der Ereignisse. Der vor 2008 eingeschlagene Wachstumsweg wäre ohne den Ausbruch der Krise wohl einfach weitergegangen. Die USA hätten heute eine um fast 12 Prozent höhere Wirtschaftsleistung. Das entspricht etwa 2,1 Billionen US-Dollar pro Jahr. Für die europäischen Volkswirtschaften ist dieser Effekt mit einem um 14 Prozent höheren Bruttoinlandsprodukt noch größer. Eines muss dabei aber beachtet werden: Hätte es keine Finanzkrise gegeben, wäre wohl auch die Ursache einer überbordenden Kreditvergabe nicht zutage getreten. Genau diese Kreditübertreibungen wirkten allerdings in den Jahren vor der Krise als Wachstumsturbo für viele Volkswirtschaften.

Hätte es das griechische Finanzdrama trotzdem gegeben?
Diese Frage kann man wohl am besten so beantworten: nicht zum gleichen Zeitpunkt und nicht in der gleichen Weise. Denn auch ohne Schuldenkrise wäre die Staatsverschuldung des Landes mit 103 Prozent (gemessen am BIP) im Jahr 2007 bereits zu hoch gewesen. Hier vermischen sich die Ursachen der globalen Finanzkrise mit Fehlentwicklungen innerhalb der Europäischen Währungsunion.  

War die Finanzkrise (nur) der Beschleuniger für die weltweiten Veränderungen?
Ja! Selbst wenn viele der problematischen Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft auch ohne Finanzkrise eingetreten wären, war diese jedoch keineswegs bedeutungslos. Die Folgen des Beinahe-Kollapses im Finanzsystem haben tief in das ökonomische Schicksal vieler Menschen eingeschnitten. Es sollte daher weiter daran gearbeitet werden, dass sich ein solches Ereignis nicht wiederholt.

Auf welchem Niveau würden sich die Zinsen ohne die Finanzkrise bewegen?
Es ist relativ eindeutig, dass ohne die Finanzkrise ein derartig extremes Niedrigzinsumfeld nicht eingetreten wäre. Allerdings wird das Zinsniveau auch noch von anderen wichtigen Faktoren beeinflusst. Das sind vor allem die strukturell niedrigen Inflationsraten und die weltweite Demografie. Letztere ruft hohe Sparleistungen bei niedrigen Investitionen und damit einen niedrigen Realzins hervor. Diese Entwicklungen hätten die Zentralbanken in einer Welt ohne Finanzkrise ebenfalls mit niedrigen Zinsen begleitet. Es spricht jedoch viel dafür, dass dieser Zinsrückgang wohl nur ein bis zwei Prozent betragen hätte. Für die Sparer wäre damit allerdings nicht viel gewonnen. Abzüglich einer Inflationsrate von etwa zwei Prozent wären die Spareinlagen mittlerweile ebenfalls einer Erosion der Kaufkraft ausgesetzt, wenngleich nicht in dem Ausmaß wie es heute der Fall ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Quelle: DekaBank

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