„Die Lange Nacht der Freiheit“ am 24. Juni 2017 in Augsburg

Kämpferisch, sehnsuchtsvoll, nachdenklich und entfesselt

Die Reformation vor 500 Jahren öffnete den Weg für tiefgreifende Umbrüche. Im Jubiläumsjahr begibt sich die Lange Kunstnacht auf eine Spurensuche zur Basis glücklichen Lebens: der FREIHEIT. Kämpferisch, sehnsuchtsvoll, nachdenklich oder entfesselt sind die über 200 Programme, die sich um diese mal mehr, mal weniger verwirklichte Utopie ranken.

Mit allen Mitteln der Kunst – mit Orchesterkonzerten, Kammermusik, Liedprogrammen, literarischen Beiträge und Ausstellungen – führt die Kunstnacht die allumgreifende Wirkungsmacht der Freiheit künstlerisch, allegorisch und sinnlich vor Augen. Freiheitsgedanken, Befreiungslieder und von allen Fesseln gelöste Kunst begleitet die Kunstnachtbesucher*innen zu den über 50 reizvollen Spielorten der ehemaligen Freien Reichsstadt Augsburg.

2017 jährt sich zum 500. Mal die Veröffentlichung der 95 Thesen, die Martin Luther an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg schlug. Das Reformationsjubiläum wird auch in Augsburg mit zahlreichen Veranstaltungen begangen und führt anlässlich des Jahrestages der Confessio Augustana zum „Fest der Freiheit“. Es verbindet den Augsburger Kirchentag des Evangelisch-Lutherischen Dekanats und die Lange Kunstnacht, die dieses Jahr unter dem Motto „Lange Nacht der Freiheit“ stehen wird. In Zeiten, in denen selbst in Europa „alternative Fakten“ und demokratiefeindliche Bewegungen die Presse- und Meinungsfreiheit bedrohen, befassen sich Künstlerinnen und Künstler mit Freiheit, Unfreiheit, Befreiungsbewegungen, persönlichen Zwängen und Utopien der Freiheit.

Von der Freiheit eines Christenmenschen – auf Luthers Spuren
Mit Luthers Besuch 1518, um seine Thesen vor dem Kardinal zu widerrufen und der Confessio Augustana, die 1530 vor dem Reichstag von Melanchton verlesen wurde, besteht zwischen Augsburg und dem reformierten Glauben eine enge Verbindung. Diesen historischen Bezügen spüren Stadtführungen zu Martin Luthers und Jakob Fuggers divergierenden Meinungen „Zur Freiheit des Geistes“ nach. Unterschiedliche Weltbilder zweier weltbewegender Männer, denen auch in Führungen und Vorträgen in der Fuggerei und im Fugger- und Welser-Museum nachgegangen wird. Unter dem Titel „Bist du sicher, Martinus?“ hinterfragt Christel Peschke in der Rolle der Katharina von Bora den Reformator anhand des Textes von Christine Brückner.

Buddy & Raoul. © Frauke Wichmann

Musik ist die Freiheit laut zu fühlen (Robert Schumann)
Zahlreiche Orchesterkonzerte, kammermusikalische Preziosen oder Liedprogramme der hochkarätigen Augsburger Klassikszene geben der Freiheit einen Klang. Musik versteht es, wie kaum eine andere Kunstform, der Freiheit und all ihren Facetten einen spürbaren Ausdruck zu verleihen. Das Philharmonische Orchester eröffnet den Abend mit dem Chor der Gefangenen aus Beethovens „Fidelio“ und spannt den Bogen zum zeitgenössischen „Towards Freedom?“ des Komponisten Per Nørgård. Die Kraft der Freiheit werden die Besucher*innen in der Freiheitshymne „Die Gedanken sind frei“ im Chorprogram des Collegium Vocale Friedberg entweder hören können oder aber selbst bei einem Mitsingprojekt auf dem Rathausplatz zu Beginn des Abends, mit Unterstützung der Kunstnachmusiker, entfalten.

In den Gesellschaftsräumen der Drei Kaiser interpretiert das Duo Rossel-Park die Violinsonate „Frei aber einsam“ für Joseph Joachim, komponiert von Brahms, Schumann und Albert Dietrich. Schuberts Forellenquintett, gespielt vom suedamA Quartett und Aleksandrina Genova, findet in der launischen Forelle eine Freiheitsmetapher. Nicht nur sehnsuchtsvoller Tango erweitert den musikalischen Kunstspaziergang über die europäischen Grenzen hinaus: Die fünf Sänger des Iso-Polyphonic Choir aus Albanien erzählen mit meditativen, transzendenten Tönen fühlbar Geschichten von Armut, Stolz und Unterdrückung aus der wechselvollen Geschichte ihres Heimatlandes Albanien. Der iso-polyphone Männergesang ist seit 2005 immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe.

Albanian Iso Polyphonic Choir. © Ballkan Music Management

Weite Wege in die Freiheit
Das Jahr 2015 wurde von Bildern unzähliger Menschen geprägt, die für den Weg in die Freiheit größte Risiken eingegangen sind. Über seine Flucht aus Afghanistan in seine neue Heimat München berichtet Hassan Ali Djan in der Kresslesmühle. Gino Chiellino liest aus seinem Roman „Der Engelfotograf“, der den harten Weg aus den kargen, beengenden, ländlichen Verhältnissen Kalabriens in eindrucksvollen Bildern schildert. Dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung in der DDR über Jahrzehnte in Unfreiheit leben musste, daran hat Joachim Gauck in seinen Reden als Bundespräsident immer wieder erinnert. Stefan Schön liest unter dem Titel „als die Freiheit gekommen war…“ aus seinem Plädoyer für die Freiheit, die Gauck immer wieder täglich als größtes Geschenk begreift.

 

Die Geschichte der Freiheit – die Freiheit in der Geschichte der Menschheit
Die Geschichte von Unfreiheit, der Wunsch nach (innerer und äußerer) Freiheit sowie daraus resultierende Befreiungskämpfe und -bewegungen, sind so alt wie die Menschheit selbst. Aus religiöser Sicht beginnt sie mit Adams und Evas Vertreibung aus dem Paradies, die humorvoll von Mark Twain erzählt und von Karla Andrä, Jörg Stuttmann, Stephan Holstein und Josef Holzhauser mit Musik interpretiert wird. Ein epochaler Sprung führt in die Antike zu einer Führung im Römerlager unter dem Titel „Nun sag, Römer, wie hast du’s mit der Religion?“. Das Ensemble für Frühe Musik spielt Kreuzzugslieder mittelalterlicher Liedermacher zur Befreiung Jerusalems und das Duo ESZSE vollzieht mit dem Programm „Libertatem – Li(e)berTaten“, das bekannte (Freiheits-) Reden kompiliert, einen Sprung ins Heute.

Theater Anu.


Hinter Gittern
Erstmals in seiner Geschichte sind im Stadtgebiet Augsburg keine Straffälligen mehr in einem Gefängnis untergebracht. Wie sich der Freiheitsentzug ansatzweise angefühlt haben muss, kann zur Langen Nacht der Freiheit bei einem Besuch des Gefängnishofs der ehemaligen Justizvollzugsanstalt Karmelitengasse erspürt werden. In einer Gemeinschaftsausstellung des Künstlervereins 38/40 und den Bunten e.V. werden die Gefängnismauern zur temporären Ausstellungsfläche, die bald einer neuen Nutzung weichen wird. Das Duo Markus Mehr und Sebastian „Dot“ Birkl präsentieren hier in einer Soundinstallation „Wiegenlieder aus Schurkenstaaten“. In der historischen Severinskapelle, die innerhalb der Gefängnismauern liegt, spielt Roland Götz Musik verfolgter Künstler des 16. und 17. Jahrhunderts auf dem venezianischen Spinett.

Ehemalige JVA Karmelitengasse. © Marcel Krammer

Gasse der Freiheit
Vom Annahof bis zum Rathausplatz wird sich bereits ab 16 Uhr die „Gasse der Freiheit“ des Evangelisch-Lutherischen Dekanats erstrecken, auf der sich die Kirchengemeinden mit ihren Chören, Bands und Solisten und ihrer Kirchenarbeit präsentieren. Höhepunkt dieses Tages ist der Auftritt von Sarah Kaiser mit ihren jazzigen, poppigen neuinterpretierten „Liedern zur Reformation“ um 23 Uhr auf dem Rathausplatz. Hier wird am Vormittag des Sonntag, 25.6.2017, auch der große Gottesdienst mit dem Bayerischen Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm stattfinden, mit dem das Wochenende als „Fest der Freiheit“ endet.

 

Unter freiem Himmel
Nicht nur Museen und historische Säle sind bei der Kunstnacht bis Mitternacht geöffnet, einige Plätze und Höfe werden, bei hoffentlich gutem Wetter, stimmungsvoll inszeniert: Im Damenhof ertönen grenzüberschreitende musikalische Bilder aus England, Amerika, Schweden und den Kapverden mit dem Trio Al Mar. Im Hofgarten intoniert brasspur Freiheits-Hits aus Oper, Musical und Volkslied. Tableaux vivants aus der Freien Reichsstadt bebildern den Fugger’schen Serenadenhof mit historischen Anklängen. Der Brunnenhof im Zeughaus erklingt südamerikanisch mit dem Concerto Latino und Tango von Rossel and friends. Auf dem Elias-Holl-Platz erhebt sich das Kletter- und Knüpfprojekt aus 50 Holzstangen „Heinz baut“ Stück um Stück in schwindelnde Höhe und riskiert einen Blick über die Wolken. Ab Einbruch der Dunkelheit breitet im Fronhof das Berliner Theater Anu ein begehbares Lichterlabyrinth mit Traumstationen aus. Die Besucher*innen können sich hier bis nach Mitternacht zurück in eine Zeit versetzen lassen, in der die Träume und Vorstellungen von unserem eigenen Leben grenzenlos waren.

Frei-Nacht
Um Mitternacht geht der Kunstnachtabend an mehreren Nachtschwärmer-Orten in den musikalischen Ausklang über: Uli Fiedler and friends werden im Jazzclub unter dem Titel „free your mind“ einheizen. Im Thalia Kaffeehaus spielt das Trio Harry Alt, Tim Allhoff und Andi Kurz „Jazzfavourites und Standards“ und in der Golden Glimmer Bar klingt der Abend mit DJ Stefan Schleifer und Soul aus.

Das detaillierte Gesamtprogramm finden Sie unter www.langekunstnacht.de

 

Tickets
VVK: Bei der Bürger- und Touristinformation am Rathausplatz, Theater Augsburg, Ticketshops der Museen der Stadt Augsburg, AZ Kartenservice, Thalia Kino, alle reservix-VVK-Stellen und online auf www.langekunstnacht.de und www.reservix.de

VVK: 12,- / 10,- EUR (erm.)
AK: 14,- / 12,- EUR (erm.)
Ticketaufschlag Eröffnungskonzert: 4,- EUR

 

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